Jannike, wie schaffst Du das bloß?

Aktualisiert: 20. Jan.


„Wie schaffst du das bloß? Wie bekommst du das alles unter einen Hut?“ Diesen Satz hörte ich fast jeden Tag, damals als Teenager in Ahrensburg.

Ich war nicht nur eine sehr disziplinierte, ehrgeizige und hervorragende Schülerin, sondern gleichzeitig Leistungssportlerin im Rettungsschwimmen. So erfolgreich, dass ich an internationalen Länderkämpfen, Europa- und Weltmeisterschaften teilnahm.

Parallel arbeitete ich, engagierte mich ehrenamtlich und brachte Kindern das Schwimmen bei. Und am nächsten Tag sagte wieder jemand: „Wie schaffst du das nur alles?“, mit diesem bewundernden Unterton, der meinen Selbstwert so herrlich nährte. Von Komplimenten wie diesen lebte ich.

Ich war stolz darauf, im Nationalkader zu schwimmen und mich mit den Besten der Welt zu messen. Es bedeutete aber auch, dass ich unentwegt hart gearbeitet und trainiert habe. Gut zu sein genügte mir nicht – mich immer weiter zu verbessern, darum ging es. Um Leistung.

Aber ich war daran gewöhnt. Es war mein Leben.


Ich erwartete von mir Höchstleistungen

Nach dem Abitur stieg ich ins Studium der Wirtschaftspsychologie ein. Im Rahmen eines Auslandssemesters bekam ich die Gelegenheit, für eine Zeit nach Australien zu gehen. Dort erlebte ich praktisch das schönste Jahr meines Lebens.

Nur im Schwimmbecken gehörte ich plötzlich zu den Losern. Man muss bedenken, Wasser ist für Australier ein natürlicher Lebensraum, sie gehören zu den besten Schwimmern der Welt und trainieren auf einem ganz anderen Level. Ich traute mich kaum, Wettkämpfe in Australien zu bestreiten – aus Angst davor, zu versagen. Aus Angst davor, meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig wollte ich meinem deutschen Team beweisen, dass ich „richtig gut“ geworden war – und mir vor den australischen Mitstreitern nicht blamieren – all‘ das neben meinem Vollzeitstudium. Ein fast übermenschlicher Anspruch.


„Du schaffst das nicht“, sagte mein Kopf & behielt recht

Ich nahm teil, konnte meine gewohnte Leistung jedoch wieder nicht abrufen. Jedes Mal war es mein Kopf, der mir einen Strich durch die Rechnung machte. Du schaffst das nicht, sagte er. Mein Kopf behielt Recht.

Irgendwann kam der Tag, an dem es mir reichte. Ich sagte mir, dass es egal ist, wie schnell die anderen sind. Ich fokussierte mich nach innen und sagte zu mir selbst: Mach jetzt dein Ding! Vertrau dir und konzentrier dich auf dich selbst. Du weißt, dass du das kannst!

Auf einmal konnte ich mit den australischen Sportlern im Pool mithalten. Ich schwamm Zeiten, die ich für utopisch gehalten hatte. Der Bann war gebrochen. Dachte ich zumindest.

Wieder zurück in Deutschland, schaffte ich es bei der Weltmeisterschaft 2016 „nur“ ins Finale. Keine Top-Ten-Platzierung im Einzel. Ich war wahnsinnig enttäuscht. Und wieder übernahm der unerbittliche Teil meines Kopfes die Macht: Warum können alle anderen ihre Leistung abrufen, nur ich nicht? Ich war verzweifelt.


Mentale Blockade und Verlust der Alltagsstruktur

Nach der Weltmeisterschaft konnte ich die Schwimmhalle von einem Tag auf den anderen nicht mehr betreten. Mentale Blockade, aus und vorbei. Ich hörte ungeplant mit dem Leistungssport auf.

Plötzlich musste ich mich nicht mehr in endlosen Trainingseinheiten schinden und auf meine Ernährung achten, sondern konnte jederzeit Kuchen essen und mit Freunden ausgehen. Ich musste gar nichts mehr. Aber damit war gleichzeitig auch meine Alltagsstruktur weg. Jene Struktur, die seit Jahren meinen Tag sinnvoll einteilte. Darüber hinaus hatte ich auf einmal panische Angst, meinen topfitten Körper zu verlieren. Den Körper, über den ich neben der Leistung meinen Selbstwert definierte.

Ausgeschlossen. Auf keinen Fall. Ich zwang mich zurück in die Schwimmhalle und begann, mehr zu trainieren als zu meinen Top-Schwimm-Zeiten. Ich trainierte wie besessen, flüchtete mich in meinen Job im Online-Marketing, macht jeden Tag Überstunden. Gleichzeitig versuchte ich, ein vermeintlich perfektes Bild von mir nach außen aufrecht zu erhalten.


Wer war ich jenseits meiner Leistungen?

In Wahrheit ging es mir alles andere als gut. Jannike, du bist nicht mehr du selbst!, sagte meine Seele, sieh dich vor!

Zu spät. Über die Monate hinweg geriet ich in eine Essstörung. Kombiniert mit der Flucht in den Job steckte ich schließlich in einem Burnout. Die volle Packung. Im jahrelangen Funktionieren hatte ich mich selbst verloren.

Es waren schlimme Monate. Ich kapselte mich ab, ging zur Therapie und versuchte, mein Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wie konnte es sein, dass ich nach vielen Jahren des Erfolgs nun stumm in meinem Wohnzimmer saß und nicht mehr konnte?

Wer bin ich jenseits der Leistung beim Schwimmen und in meinem Beruf? Was sind eigentlich meine eigenen Bedürfnisse? Wer bin ich?

Es war unfassbar schwierig für mich zu verstehen, dass ich mich selbst an meine eigenen Grenzen – und darüber hinaus – gebracht hatte. Dass ich mich selbst so kaputtgemacht hatte. Nicht der Leistungssport oder mein Beruf, ich selbst hatte das „gemacht“.


Das schwierigste Jahr meines bisherigen Lebens

Dieses Jahr war das schwerste meines Lebens. Und gleichzeitig das größte Geschenk. Die verwundbarsten Phasen sind ja meist diejenigen, die Entwicklung und Wachstum erst ermöglichen.

Ich nahm mir Zeit für mich selbst und erlaubte mir, langsam durch einen gewaltigen Erkenntnisprozess zu gehen. Nach und nach begriff ich, dass sich mein Selbstwert nicht über die Leistung definiert, die ich erbringe, sondern dass ich meinen Wert definiere. Ich allein. Dass es der Mensch ist, der zählt, niemals seine Leistung oder sein Status. Und es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu holen, sondern vielmehr von Stärke. Ich habe verstanden, dass es nicht darum geht, immer ein Überflieger zu sein, sondern dass JEDER im Leben schwierige Phasen hat, in denen er auf Hilfe angewiesen ist. Und dass das völlig okay ist!


Neue Mission: Anderen Menschen den Weg leichter machen

Das war der Wendepunkt. Ich spürte, dass es einen Grund gab, warum ich das alles durchlebte. Je mehr ich zur Ruhe kam, desto klarer wurde mein Weg. Endlich wusste ich, was ich wollte und wohin ich wollte; ich merkte, was mir Spaß macht ­– und erlaubte mir auch endlich, Spaß zu haben.

Im Jahr darauf ließ ich mich zum Gesundheits- und Life Coach ausbilden und studierte anschließend Psychologie „pur“. Seitdem eigne ich mir jede erdenkliche und notwendige professionelle Expertise an: damit ich mithilfe meiner eigenen Geschichte anderen Menschen den Weg leichter machen kann. Weil ich jeden Schritt auf dem Weg kenne. Und weil ich anderen Menschen zeigen möchte, dass sie so wie sie sind, völlig okay sind. Und dass sie aus ihren vermeintlich schlimmsten Zeiten eine Souveränität und ein Selbstbewusstsein entwickeln können, wie sie nie für möglich gehalten hätten.

Neben dem Einzelcoaching begann ich dann ebenfalls die Ausbildung zum Systemischen Business Coach, um mein Wissen auch in Unternehmen tragen zu können.



Mein Hund lehrt mich, im Hier und Jetzt zu leben

Sport ist immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber nicht mehr für Siege, Medaillen und Anerkennung, sondern für meine innere Balance. Ich liebe es, am Meer zu sein und mich mit meinen Freundinnen zum Frühstück zu treffen. Wahrscheinlich bin ich die schlechteste WhatsApp-Nachrichten-Beantworterin der Welt. Und seit neuestem teile ich meine Wohnung mit Gino, meinem kleinen Zwergpudel-Welpen. Er stellt mein Leben auf den Kopf, ja, aber jeden Tag macht er mir aufs Neue bewusst, was es bedeutet, im Hier und Jetzt zu leben. Besser geht’s nicht, oder?